Der Michaelerplatz

Der Michaelerplatz

Der Michaelerplatz war schon zu Römerzeiten ein verkehrstechnisch wichtiger Ort vor den Toren der damaligen Lagerstadt Vindobona. Hier kreuzten sich die Straße, die bei der Porta decumana des römischen Castrums aus dem Lager nach Südwesten führte, sowie die für das gesamte römische Reich wichtige, den Limes entlangführende Militärstraße. Im Hochmittelalter entwickelte sich entlang der Lagerstraße eine Siedlung, die im Zuge der ersten Stadterweiterung um 1200 in die Stadt eingegliedert wurde.

Die Kirche St. Michael entstand bereits in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, sie war von einem Friedhof und einer Mauer umgeben. Die alte via decumana entwickelte sich zum Kohlmarkt, der dicht aneinandergereihte Bürgerhäuser aufwies, allerdings wurde die Bebauung durch mehrstöckige Bürgerhäuser auf der linken Seite in der Nähe der Kirche lockerer, hier befanden sich niedrigere Häuser, die den Friedhof einsäumten und Behausungen von Kirchendienern und Geschäftsläden enthielten. Die Kirche und den Friedhof konnte man nur durch zwei schmale Durchgänge erreichen. Auf der rechten Seite setzte sich die Bebauung nach der Kreuzung fort, diese Häuser wurden „Stöckl“ genannt. Auf der linken Seite befanden sich die Burganlage und bereits ab dem 14. Jahrhundert ein Lustgarten, das kaiserliche Paradeisgartl. Es war von einer Mauer umgeben, die mit einem Eckrondell versehen war, ebenso wie das gegenüberliegende Haus des Stöckls, in dem die sehr bekannte Apotheke „Zum schwarzen Adler“ untergebracht war.

Diese blieb im Wesentlichen unverändert bis 1626 Kaiser Ferdinand II. den gegenreformatorischen Orden der Barnabiten nach Wien berief. Die Mönche richteten bei St. Michael ein Kolleg ein. Von ihnen ging der Plan zur Errichtung eines großen Konventsgebäudes neben St. Michael aus, mit der Planung wurden Filiberto Luchese und Giovanni Pietro Tencalla beauftragt. Der am Kohlmarkt gelegene Teil des Gebäudes sollte nördlich bis an die Kirche heranreichen, dafür wurde dieser Teil des Friedhofes aufgelassen. Die Ladenzeile, die vor der Kirche an der Baulinie des Kohlmarktes bestand, wurde geschleift und die Vorderfront der Kirche auf diese Weise in das architektonische Ensemble der Straße eingebunden. Auch die Bauten zur rechten Seite der Kirche sollten abgerissen werden, wodurch – bedingt durch die schräge Kirchenfront – ein trapezförmiger, auf die Kirche ausgerichteter Vorplatz entstehen sollte. Die so in das Zentrum dieses Platzes gerückte Kirche sollte eine neue Front, ein zeitgemäßes Aussehen erhalten, vorgesehen war unter anderem ein dem Sockelgeschoß vorgelagerter Portikus.

Durch die städtebaulichen Vorstellungen des urbanen Reformordens wäre durch diesen Umbau die Straßenkreuzung in eine Platzanlage uminterpretiert worden, der von der Michaelerkirche dominiert gewesen wäre, der architektonische Gesamtkomplex mit Kolleggebäude und Kloster wäre als ein den Barnabiten gewidmeter Platz empfunden worden, was den Vorstellungen einer gegenreformatorischen Urbanistik voll entsprochen hätte. Allerdings wurde das Luchese-Tencalla Projekt nur zu einem geringen Teil verwirklicht, lediglich der links an die Kirche angrenzende Kohlmarkttrakt wurde gebaut, 1704 erneuert und ist seitdem als Großes Michaelerhaus bekannt. Die zur Augustinerstraße gerichtete Ladenzeile blieb bestehen. Eine Platzanlage war nicht entstanden.

1724 besteht die Mauerfront noch in ihrer ursprünglichen Form. Die Wände in Rohziegelbau, der einfache Spitzgiebel des hohen Chors mit einem mächtigen Spitzbogenfenster noch ganz kahl und schmucklos,  rechts jene drei kleinen Häuschen die sich damals gegen die Mitte des Michaelerplatzes vorschoben und sich an jener Stelle befanden, wo heute das kleine Michaelerhaus steht. Längs der äußeren Rechten das alte Ballspielhaus, das sich an der Stelle des späteren Hofburgtheaters befand, und links das große Michaelerhaus. Erst im Jahr 1730 wurde die jetzige Eingangshalle von Beduzzi erbaut, das Portal erhöht und mit dem Engelssturz Mattiellis versehen, 1792 die Fassade von Ernest Koch klassizistisch verändert.

Der städtebauliche Prozess wurde wieder in Bewegung gesetzt, als der kaiserliche Residenzkomplex neu konzeptioniert wurde und in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts die Idee aufkam, die Burgeinfahrt effektvoll auszubauen und ihr durch eine platzmäßige Erweiterung der Michaelerkreuzung eine entsprechende Wirkung zu verleihen. Lucas von Hildebrandt legte im Zuge eines Generalplanes ein Projekt vor, das einen Rundbau zwischen zwei dreiachsigen konkaven Wandflächen als zentralen Bauteil vorsieht und als Blickfang vom Kohlmarkt her gedacht ist, die Einfahrt in die Burg ist ähnlich einem Triumphbogen gestaltet. Die Abschrägung der Baulinien des nachmaligen kleinen Michaelerhauses und der Kreuzung Herrengasse-Schauflergasse sollte die Entstehung eines zur Hofburg hin trapezförmigen Platzes ermöglichen. Damit nahm er – obwohl sein Projekt nicht ausgeführt wurde – die heutige Form des Platzes weitgehend vorweg.

Joseph Emanuel Fischer von Erlach lieferte den entscheidenden Beitrag. Er legte ein klares, kurvig geschwungenes Exedrenkonzept vor, das wir nur durch einen Stich Salomon Kleiners kennen. Er ließ die Hofburgfront weit zurückweichen, dafür musste der Großteil des Paradeisgartl-Areals geopfert werden. Zwischen dem konkaven Mittelteil und den Seitenfronten werden konvexe, von Säulen eingerahmte Seitenteile eingestellt. Der Mittelrisalit wird triumphbogenähnlich mit Doppelsäulen ausgestattet. 1728 wird mit dem Bau des linken Seitenteils begonnen, der abgerundeten Ecke wird eine zeltartige Kuppel aufgesetzt. In den späten 1730er Jahren kamen die Bauarbeiten ins Stocken, nur die erste Fensterachse neben dem linken Eckrisalit und ein Teil des Durchfahrtsrondells wurden ausgeführt.

Die Barnabiten bauten 1732 das kleine Michaelerhaus, die abgeschrägte Baulinie zwischen Kohlmarkt und Augustinerstraße leistete ihren Beitrag zum Zustandekommen des Platzkonzepts.1741 wurde das alte Ballhaus als Hoftheater adaptiert, in den siebziger Jahren mit einer Fassadenarchitektur zum Michaelerplatz hin versehen. 1792 wurde die Kirchenfassade im klassizistischen Stil erneuert. Diese beiden Gebäude verliehen dem Platz sein bis ins 19. JH charakteristisches Aussehen. Immer wieder wurde die Vollendung der Michaelerfront der Hofburg erwogen, auch im Hinblick des Verkehrskonzeptes einer durch die Burg führenden Achse, aber bis zum Fall der Stadtmauern nicht realisiert.

Im Zuge der Demolierung der Stadtmauern und der Errichtung der Ringstraße ab 1857 war es unvermeidlich, dass auch die Hofburg als „eigentlicher Mittelpunkt der Stadt“ (R. v. Eitelberger) in diese architektonischen Vorhaben mit einbezogen wurde. Im Zeitalter des Historismus war es selbstverständlich, jene Lösung zu suchen, die den Intentionen Fischer von Erlachs am ehesten entsprach. Es siegte das Projekt der Dreikuppel-Version, obwohl nicht geklärt ist, ob Fischer von Erlach über dem Mittelrisalit eine Kuppel anbringen wollte. Der vehementeste Befürworter dieser Dreikuppelversion war Carl von Hasenauer. Das alte Burgtheater wurde 1888 abgerissen, die Restbestände des alten Stöckls beseitigt.1889 gab der Kaiser den Auftrag, die Exedra im Sinne Fischers fertigzustellen. Planung und Ausführung wurden dem Burghauptmann Architekt Ferdinand Kirschner übertragen.

Die Michaelerfront erhielt eine der Winterreitschule entsprechende Gliederung. Sie hat einen zweizonigen Aufbau mit hohem gebändertem Sockel und gekoppelten korinthischen Riesenpilastern in der Oberzone. In der Beletage sind Rundbogenfenster mit Dreiecksgiebeln, über dem Gebälk eine Attikabalustrade mit Vasenpaaren. Der Mittelrisalit ist gerade und hat eine hohe Rundbogenöffnung mit Schmiedeeisengitter, links und rechts Gehtüren mit Ochsenaugen-Aufsätzen. In der Oberzone des Mittelrisalits sind 4 gekoppelte Vollsäulen, die mit einer Balustrade verbunden sind. Das ganze wird von einer kupferblechgedeckten Kuppel mit geschweiftem Tambour, vergitterten Ochsenaugen und z.T. vergoldeten Schabracken bekrönt. Die Fertigstellung der barocken Front, deren Anfang irrtümlich Johann Bernhard Fischer von Erlach zugeschrieben wurde, war ein Ereignis von patriotischer Bedeutung, da der ältere Fischer als eine Art nationaler Mythos betrachtet wurde

Auch die Skulpturen wurden im Sinne einer barocken Ikonographie geplant. Der Herkuleszyklus von Mattielli am Reichskanzleitrakt wurde mit vier weiteren Herkulesgruppen fortgesetzt, in der Oberzone befindet sich ein Wappenschild, der von zwei weiblichen Famafiguren gehalten wird. Auf der Attika finden wir eine Statuengruppe, welche die Allegorien der Weisheit, Gerechtigkeit und Stärke darstellen und von Sitzfiguren und seitlichen Trophäenskulpturen gerahmt sind. Am Sockel in den Rundbogennischen wurden Brunnen angebracht, die ebenso wie das übrige Skulpturenprogramm die Stärke und Glorie Österreichs, zumindest in Stein, ausdrückten: links „Die Macht zur See“ von Rudolf Weyr und rechts „Die Macht zu Lande“ von Edmund Hellmer.

Die unregelmäßige Baulinie an der Ecke Herrengasse-Schauflergasse wurde beseitigt, als Graf Herberstein beschloss, das alte Palais Dietrichstein-Herberstein durch ein neues, prächtiges Palais zu ersetzen. Mit dem Bau wurde Carl König beauftragt, der das Gebäude in enger Anlehnung an die Michaelerfassade plante, was ziemlich problematisch war, da hierarchische Konflikte vorprogrammiert waren. König wurde aufgefordert, auf die geplante Kuppel zu verzichten, dennoch wurde das Gebäude mit einem kuppelartigen Aufbau versehen. Dadurch erhielt die auf den Kohlmarkt ausgerichtete Platzarchitektur sozusagen einen Nebenschauplatz und richtete die Aufmerksamkeit auf die Querachse Herrengasse-Augustinerstraße. Die Kuppel wurde erst 1936 im Zuge eines Dachumbaues entfernt.

1909 wurde das letzte in den Platz hinein ragende Haus, das „Dreilauferhaus“ abgetragen. An dessen Stelle sollte, der neuen schrägen Baulinie folgend, ein Geschäftshaus für ein exklusives Herrenmodengeschäft, Goldman und Salatsch, erbaut werden. Adolf Loos erhielt den Auftrag und volle Freiheit für die Außengestaltung. Loos verzichtete, wie er sagte, auf Stilmaskerade, er berief sich auf die klare Sachlichkeit bürgerlicher Bauten im Vormärz. Er nimmt auf die vorhandenen Bauten des Platzes Rücksicht, die Säulenvorhalle nimmt einerseits Bezug auf die Vorhalle der Kirche, die eingeschwungenen Spiegelscheiben im Inneren der Vorhalle antworten andrerseits auf die Exedra der Michaelerfront.

Mit dem Bau des Looshauses war die heutige Platzgestalt erreicht, Veränderungen wurden erst wieder in den 1980er Jahren vorgenommen, als bei Restaurierungsarbeiten römische und mittelalterliche Baureste entdeckt wurden. Es wurde beschlossen, diese sichtbar zu lassen. Der Architekt Hans Hollein führte ein „Archäologiefeld“ aus, das auf die Querachse der alten Limesstraße Bezug nimmt, aber nicht unumstritten ist.