12. November 1918

Das Wetter war, der Jahreszeit entsprechend, kühl und regnerisch. Dennoch waren die Menschen, den Aufrufen in den Zeitungen folgend, zum Parlament geströmt, um der Proklamierung der Republik beizuwohnen. Eine unüberschaubare Menschenmenge wartete, als um 15.55 Uhr die Abgeordneten auf die Parlamentsrampe traten und Präsident Franz Dinghofer von der deutschnationalen Partei den Gesetzesbeschluss bekannt gab. Als die rot-weiß-rote Fahne gehisst werden sollte, rissen Mitglieder der Roten Garde, des militärischen Arms der neugegründeten Kommunistischen Partei, den weißen Mittelstreifen heraus, die nunmehr nur noch roten Fahnen wurden hochgezogen. Rotgardisten, darunter der Journalist Egon Erwin Kisch, erstürmten die Rampe und forderten die Bildung einer Arbeiter- und Bauernregierung. Fenster wurden eingeschlagen, Glastüren zertrümmert. Ein Geräusch, das sich wie ein Schuss anhörte, aber nur vom Herablassen eines Rollbalkens verursacht wurde, führte zu einem Schusswechsel, bei dem es Verwundete gab, vor dem Parlament kam es zur Panik, die Menschen ergriffen die Flucht, ein Kind und ein Mann wurden zu Tode getrampelt. Die Rotgardisten zogen nach Verhandlungen mit dem sozialdemokratischen dritten Präsidenten Karl Seitz und der ehrenwörtlichen Versicherung, dass sich keine Waffen im Parlament befänden, ab.

Nach diesen Vorfällen ging die Nationalversammlung zu den weiteren Tagesordnungspunkten über. In den Krankenhäusern mussten Dutzende Verletzte versorgt werden, aber am Abend waren Kinos – immerhin 155 in Wien – und Lokale überfüllt. Der Schriftsteller Arthur Schnitzler notierte in sein Tagebuch: „Ein welthistorischer Tag ist vorbei. In der Nähe sieht er nicht sehr großartig aus„.

Anschlusstendenzen 1918

Aus zeitgenössischer Sicht muss der Anschlussgedanke von 1918 mit anderen Augen beurteilt werden als rückblickend und mit dem Wissen um die Ereignisse von 1938.

Der Wille zum Anschluss an Deutschland war 1918 parteiübergreifend. Die Alternative, ein Staatenbund mit den Nachfolgestaaten der Monarchie, war nicht zu verwirklichen. Der emotional schwierige Schritt vom Großreich zum Kleinstaat, mangelndes Vertrauen in die eigene Kraft, die zerstörten wirtschaftlichen Grundlagen und die fehlenden Ressourcen des ehemals großen Wirtschaftsraums ließen an der Lebensfähigkeit des neuen Staates, der noch ohne fixe Grenzen war, zweifeln. Für die Deutschnationalen war der Anschluss immer oberstes Ziel gewesen, die Sozialdemokraten sahen in der hochentwickelten Industrie und der gut ausgebauten sozialdemokratischen Bewegung in der jungen deutschen Republik die besten Chancen für eine Verwirklichung des Sozialismus. Die Christlichsozialen zogen nach kurzem Zögern und zum Teil halbherzig mit.

Allerdings standen viele deutsche Politiker den Anschlussbestrebungen reserviert gegenüber. Im Friedensvertrag von St. Germain 1919 untersagten die Siegermächte den Anschluss Deutschösterreichs an Deutschland und die Republik Österreich, wie sie nun hieß, fand ihren selbständigen Weg. Bis 1933 hatten die Sozialdemokraten den Anschlussparagraph im Parteiprogramm, dann ließ ihn ihr Chefideologe Otto Bauer streichen, da jedem Arbeiter und Sozialdemokraten in Österreich klar sei, „daß wir den Anschluß an die deutsche Republik, aber nicht an das Zuchthaus Hitlers wollten„.

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